"Suizid" - das Ende eines langen Weges


Die Erwachsenenbildung der Reformierten Kirchgemeinde Küsnacht zu Fragen zum Suizid

In der Schweiz sterben jährlich mehr Menschen durch Selbstmord als im Strassenverkehr. Der provokative Titel eines Vortragsabends der Erwachsenenbildung der Reformierten Kirchgemeinde Küsnacht - «Suizid - auch ein Weg?» - zeigte Hintergründe und mögliche Hilfe.


Wohl jeder Mensch ist einmal im Leben hin- und hergerissen zwischen Lebenskraft (Hoffnung) und Lebensmüdigkeit (Verzweiflung), meinte Erwachsenenbildnerin Ursula Bertallo von der Reformierten Kirchgemeinde. Suizid wird in Fluchtgedanken aus schwieriger Situation in Erwägung gezogen. Doch Suizid macht mehr betroffen als derTod auf der Strasse.

Pfarrer Reinhard H. Egg (Erlenbach) beglückwünschte die Küsnachter zum Mut, sich dem Thema auszusetzen. 18 Jahre war Egg reformierter Pfarrer in Erlenbach. Noch vor dem Theologiestudium hatte er in Psychologie abgeschlossen. Nun führt er mit seiner Frau in Erlenbach eine therapeutische Praxis auf christlicher Basis. Als Seelsorger und klinischer Psychologe in der Zürcher Höhenklinik Wald trifft er stets wieder Menschen, denen «es nicht geraten» ist. Die Dunkelziffer sei gewiss fünf Mal so hoch wie die Selbsttötungen.

Gespräch suchen

Der Freitod eines seiner besten Freunde habe ihn schockiert, bekannte Egg. Als Pfarrer habe er gegen hundert Menschen beerdigt, die ihrem Leben selber ein Ende setzten. In nachfolgender Seelsorge habe er unzählige Angehörige begleitet. Er habe in Praxis und Klinik mit konkreten Fällen zu tun. Doch noch nie habe sich ein Mensch das Leben genommen, der vorher das Gespräch mit ihm gesucht habe.

Von Suizid-Prägung und volksabhängiger Suizidalität

Die Suizid-Wahrscheinlichkeit sei grösser, wenn schon bei den Vorfahren jemand durch eigene Hand aus dem Leben geschieden sei. Dies sei weniger Vererbung als «Uberlieferung». In der Neurologischen Abteilung der Höhenklinik sei bei suizidgefährdeten Menschen ein Mangel an gewissen Stoffen aufgefallen. Auffallend sei, dass 20 Prozent der Suizide 14- bis 24jährige Menschen betreffen.

Parallel mit der «Depressions-Statistik» sei ein «Ost-West-Gefälle» auffallend. So habe Europa die weltweit höchste Suizid-Rate. - Auffallend sei auch der «Werther-Effekt»: Als sich etwa im Österreicher Fernsehen ein junges Mädchen unter den Zug warf, nahmen die Suizide Jugendlicher drastisch zu.

Gefährliche Krisen-Situationen

Ein Verlust - sei es ein geliebter Mensch, der Arbeitsplatz, die soziale Position, Gesundheit, das Vermögen (Börsen-Krach) - ist eine der gefährlichen Krisen-Situationen. Ebenso die Angst zu versagen. Auch Liebeskummer, Streit in der Familie. Hier vor allem entstehen bei den Zurückgebliebenen «Wunden, die schwer verheilen», weiss der Therapeut.

Wenn sich zahlreiche «Alarmzeichen» summieren - Leistungsabfall, Stimmungsschwankungen, übermässige Reizbarkeit, Teilnahmslosigkeit, Rückzug, selbstzerstörerisches. Verhalten, Planungsunlust, auch Andeutungen und Abschiedsbriefe - sei höchste Alarmbereitschaft gefordert: Diese Menschen wollen ernst genommen werden. Sie sind sensibel auf «Echtheit».

Wenn nach langen Kämpfen alles probiert wurde, den letzten Schritt zu vermeiden, werde der geplante Entschluss wie Erlösung empfungen.

Deutliche Hinweise ernst nehmen

Diese Phase nehme die Umgebung nicht wahr: Das Leiden ist vorbei, die Krise überstanden. Der Mensch hat seine ganzes Denken auf die einzige Lösung gerichtet. Nun wird selbst ärztliche Hilfe abgelehnt, nur derTod kann Hilfe bringen.

Eindrücklich berichtete Egg, wie er Menschen in dieser Situation begleitet. «Stellen Sie sich Ihre eigene Beerdigung vor», hielt er einem Familienvater entgegen: «Ihre weinende Frau, die Kinder, Freunde umstehen ihren Sarg. Ihrer ganzen Familie haben sie lebenslangen Schaden zugefügt. Und wenn sie es dennoch tun wollen, möglicherweise mit einem Hirnschaden davonkommen, sind Sie dauernd auf andere angewiesen...».

Einem Mann, der sein Leben «unter dem Zug» beenden wollte, gab er zu bedenken, was die Arbeiter mitmachen, «die ihre Bestandteile aus der Loki lösen müssen». Kommunikation, «rede mitenand», sei beste Prävention, sagte der Referent. Sinnfindung des eigenen Lebens. StressManagement und Konfliktbewältigung sollten schon während der Schulzeit eingeübt werden. Und dann riet der Erlenbacher dazu, frühzeitig fachkundige Hilfe aufzusuchen, denn «...dafür sind die Fachleute da».

Keine Verurteilung in der Bibel

In der Bibel ist lediglich von zwei Suiziden die Rede. Im Alten Testament ist es Sanl. Nachdem seine drei Söhne im Kampf mit den Philistern getötet und er verwundet worden war, stürzte er sich in sein Schwert. Und im Neuen Testament Judas. Saul war ehrenhaft beerdigt worden. Und Judas sass beim Abendmahl - auch hier keinerlei Verurteilung.

«Wenn es passiert ist» sind die Zurückgebliebenen ratlos, zutiefst betroffen. Wichtig ist es, die Trauer zuzulassen in der Einsicht, «wir können einen Menschen nicht vor seinem Schicksal bewahren». Suizid steht am Ende eines langen Weges, er geschieht nie «aus heiterem Himmel». Selbstvorwürfe sind nicht berechtigt. Ein Suizid ist in der Biographie des Einzelnen zu verstehen.

In unsern Bildern über ein «erfülltes Leben» hat der Freitod keinenPlatz. Doch soll man die Form der Lebensgestaltung der andern akzeptieren, auch die selbstgewählte Beendigung ihres Lebens. Die Art und Intensität eines Lebens ist wichtig, nicht die gelebten Jahre. Gottes Massstäbe sind nicht zu vergleichen mit «unserm kleinkarierten Raster». Ein langes Leben kann Bruchstückhaft ein kurzes abgerundet sein. «Jeder Mensch ist in Gottes Hand», schloss der Pfarrer, man solle nicht Gott vorschreiben wollen, «wie er ihn zurück holt». Uns bleibt neben derTrauer die Dankbarkeit, was uns dieser Mensch gegeben und bedeutet hat.

(mj. für die Zürichsee-Zeitung vom 19.1.2000)


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