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«Wiedergutmachung muss erarbeitet werden»
Vortrag über «Schuld und Vergebung im Strafvollzug»

 Im Strafvollzug nimmt das Thema «Schuld und Vergebung» einen besonderen Stellenwert ein. In einem eindrücklichen Referat ging Willi Nafzger, langjähriger Gefängnisseelsorger, am letzten Donnerstag im reformierten Kirchgemeindehaus auf die Frage ein, wie Straftäter auf ihre Schuld angesprochen und wie Opfer zur Vergebung hingeführt werden können.
 RITA DANIELSSON für die ZSZ 7.12.02
«Ich werde über ein Gebiet sprechen, das Ihnen sehr fremd ist; ein Gebiet, das Angst und Ekel auslösen und zu einer massiven Auseinandersetzung führen kann», lauteten die einleitenden Worte des Referenten. Als einer der einzigen Gefängnisseelsorger in der Schweiz arbeitet Willi Nafzger, Theologe und Psychotherapeut, seit 34 Jahren im Strafvollzug, sowohl mit Tätern, mit Opfern als auch mit Mitarbeitern. Neben der Seelsorge in der Strafanstalt Witzwil und der Supervision von Mitarbeitern in der Strafanstalt Pöschwies (Regensdorf) ist er mit einem speziellen Programm in der Strafanstalt Saxerriet für die Wiedergutmachung zuständig.
Surreale Welt und dunkle Machenschaften
Das Gefängnis wird laut Willi Nafzger als «totale Institution» bezeichnet. Im- Gefängnis spielen sich alle Funktionen des Lebens am gleichen Ort ab. Der Tagesablauf ist auf die Minute genau reglementiert. Die Insassen bestimmen die «Knastsprache», welche auch auf die Mitarbeiter abfärbt. Der Strafvollzug lasse sich als surreale Welt bezeichnen, in welcher Geschichten und Gerüchte wild entstehen und gedeihen. Um zu überleben, muss der Straftäter in die Subkultur des Gefängnisses eintauchen und deren Machenschaften kennen lernen. Im Vollzug werden dem Menschen Bewegungsfreiheit und persönliche Güter, aber auch Entscheidungsautonomie und alle Rollen, die er in der Außenwelt gespielt hat und die zu seiner Identität beitrugen, entzogen. In vielen Fällen sei die persönliche Sicherheit durch sexuelle Übergriffe und Gewaltandrohungen von anderen Häftlingen reduziert, berichtet der Fachmann.
Wie konnte es so weit kommen?
Anhand aufwühlender Schilderungen beschrieb der Seelsorger die Gefühle von Ekel, Abneigung, Wut und Hass, aber auch von massiver Trauer, welche die Straftaten und die Häftlinge auslösen können. Manche seien unglaublich zynisch, weltverneinend, krank, abgelöscht und kaputt. Doch gebe es auch diejenigen, welche nicht begreifen können, wie es mit ihnen so weit kommen konnte. Eindrücklich schilderte Nafzger, wie ein Häftling ihn seit fünf Jahren bei jedem Besuch mit den folgenden Worten begrüsse: «Sagen Sie mir bitte, dass es nicht wahr ist, was ich getan habe.»
Hinter der Tat steckt ein Mensch
«Seitdem ich im Strafvollzug tätig bin, werde ich in Bezug auf mich selbst immer bescheidener», sagte Willi Nafzger. Falsche Gefühle am falschen Ort zur falschen Zeit und mit den falschen Menschen; freigesetzte Aggressionen und Schüsse, die fallen können und zur unwiderruflichen Tragödie führen. «Im Strafvollzug sitzen nicht Mörder, Räuber oder Ausgeburten der Hölle, wie wir gemeinhin annehmen, sondern Menschen», gab der Referent zu bedenken. Sobald er einem Täter gegenübersitze, seine Verletzlichkeit, seine Trauer und seine seelische Verwundung spüre, passiere etwas Geheimnisvolles, erklärte er; das Delikt spiele plötzlich nicht mehr die wichtigste Rolle, sondern der Mensch mit seiner persönlichen Vergangenheit. Selbstverständlich brauche es die Strafe und die Verwahrung, beteuerte der Seelsorger, aber nur mit einer respektvollen Einstellung sei es möglich, ein konstruktives Gespräch zu führen.
An der Wledergutmachung arbelten
Um Verzeihung bitten, fällt einem oft schon schwer, wenn es um alltägliche Bagatellen geht. «Wie schwer muss es bloss sein, die Schuld zuzugeben, sie aufzuarbeiten und um Vergebung zu bitten, wenn es dabei um ein Kapitalverbrechen geht», fragte der Referent. «Versöhnung ist eine ganz konkrete Sache» und muss über das Handeln und nicht nur über das Sprechen angegangen werden. Laut dem Opfer-Hilfsgesetz soll der Vollzug darauf hinwirken, dass das Unrecht wieder gutgemacht wird. Im Wiedergutmachungsprogramm, welches in der Strafanstalt Saxerriet seit 25 Jahren Bestand hat, wird der Täter dazu angehalten, einen Teil von seinem Gehalt auf sein «Wiedergutmachungs-Konto» zu überweisen. «Über die materielle Gutmachung gelangen wir zur persönlichen Gutmachung.» Diese geschieht über die Auseinandersetzung mit Fragen, wie der Insasse sich selbst, wie ihm Gott, der Mitmensch und die Welt verzeihen könnte. Wiedergutmachung kann bedeuten, den Umgang mit den Aggressionen zu lernen, Briefe an das Opfer oder die Angehörigen zu schreiben, eine gemeinnützige Institution zu unterstützen oder eine gescheiterte Beziehung neu aufzubauen.
Beiden Seiten Gehör schenken
«Der Täter ist in der Regel schneller dazu bereit, über die juristische als über die persönliche Schuld zu sprechen», weiss der Seelsorger aus seiner Erfahrung. Darum besucht er auch die Opfer oder deren Angehörigen und konfrontiert den Täter mit ihrer Leidensgeschichte. Dass Täter und Opfer zusammenkommen, sei in seiner langjährigen Zeit als Gefängnisseelsorger erst drei Mal vorgekommen und habe ihn tief beeindruckt, erinnert sich Willi Nafzger. Sehr wichtig und schwierig beschreibt er die Arbeit mit den opfern. «Die Leute brechen zusammen, wenn es keine gute Opferberatung gibt.» Der Seelsorger hört die Geschichten von beiden Seiten und versucht immer, sich weder mit dem Opfer noch mit dem Täter zu identifizieren. Doch manchmal sei die Spannung in seiner Brust so gross, dass sie ihn fast zerreisse.

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