
Wie kann die Bewältigung von Schuld und Vergebung angegangen werden? Zu diesem Thema lud die Kommisslon für Erwachsene der reformierten Kirche ins Kirchgemeindehaus ein. Aus seelsorgerischer Sicht sprach Pfarrer Andrea Marco Bianca, Sigrid von Aster, Kinderpsychotherapeutin und Dozentin an der Hochschule für Heilpädagogik Zürich, beleuchtete den psychotherapeutischen Zugang.

RITA DANIELSSON für die ZSZ 26.11.2002
Die Normen von Kirche und Gesellschaft lassen sich nicht immer einhalten. Fühlt sich jemand schuldig, hofft er aufVergebung. Der Jahrestag des Attentats in Zug zeigte, dass es erst nach einem Jahr möglich war, die 15. Kerze als Zeichen derVergebung anzuzünden. Sich schuldig zu bekennen bedeutet, Verantwortung für eine Tat zu übernehmen. Welches Mass an Schuld braucht es für einen verantwortungsvollen Umgang mit dem Leben? Ist es leichter, den anderen oder sich selbst zu vergeben? Auf solche und ähnliche Fragen versuchten die beiden Referenten im Laufe des Abends eine Antwort zu finden.
Vergebung im Glauben finden
In einem kurzen historischen Uberblick zeigte Pfarrer Andrea Marco Bianca dasVerhältnis von Psychothe rapie und Seelsorge zum Thema Schuld undVergebung auf. «Im Altertum waren der Mediziner, der Seelsorger und der Psychotherapeut in einer Person vereint», erklärte der Referent. «Diese Ganzheit ging verloren, als sich die Seelsorger vom Bischof die Erlaubnis holen mussten, mit Schuld und Vergebung umgehen zu dürfen.» Im Mittelalter lag gemäss Aussagen von Bianca das Augenmerk der Kirche mehr auf dem Le. ben im Jenseits. Bis zur Reformation konnte sich der Mensch die Rettung seiner Seele mittels Spenden sichern. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts nahmen sich Freud und die Wissen~schaft dem Heil der Seele an. Die Kirche legte das Hauptgewicht auf die Seelsorge; sie half den Menschen, im Glauben Vergebung zu finden. Laut Pfarrer Bianca zeigt sich heute in der Seelsorge vermehrt wieder eine Tendenz zur Ganzheit ab: «Viele Pfarrer und Pfarrerinnen verfügen über eine therapeutische Zusatzausbildung.»
Abhänglgkelt und Depressionen
Die Problematik von Schuld und Vergebung ist im Zusammenhang mit Scheidungen näher untersucht worden. «Auch bei Menschen, die nicht sehr religiös sind, taucht die Frage von Schuld und Vergebung immer wieder auf», war der Seelsorger überzeugt. Die Ergebnisse zeigten, dass dies zu Depressionen führen könne, die Abhängigkeit vom früheren Partner verstärke und den Weg zu einem neuen Anfang erschwere. Pfarrer Bianca liess die Frage offen, ob es zur Schuldbewältigung einer religiösen Begleitung bedarf oder ob eine Therapie sinnvoller ist.
Sich selbst vergeben
Im zweitenTeil des Abends ging die Psychotherapeutin Sigrid von Aster auf die Möglichkeiten der humanistischen Psychotherapie zur Schuldbewältigung und die therapeutische Konzeption von Carl Rogers ein. Sie berichtete über ihre Erfahrungen in therapeutischen Prozessen: Tief sitzende, abgewehrte Schuldgefühle können positive Entwicklungen verstellen. Die Bereitstellung eines therapeutischen Freiraums, der von Akzeptanz und Empathie gekennzeichnet ist, schafft Möglichkeiten, sich selbst offen begegnen zu können, sich anzunehmen und einen neuen Anfang zu wagen. Gemäss von Aster soll der Ratsuchende in einer Therapie die Möglichkeit finden, emotionale Erlebnisse zu verbalisieren, und dabei auf Verständnis stossen. Durch positive Beachtung und Wertschätzung eines Therapeuten könne der Patient sich selbst und anderen vergeben, sich akzeptieren lernen und zur psychischen Gesundheit zurückfinden. An einem Fallbeispiel schilderte Sigrid von Aster, wie Schuldgefühle das Leben einer verwitweten und drogenabhängigen Mutter prägten und wie diese in der Therapie langsam reduziert werden konnten.
Theraple oder Gott?
Im Austausch mit den Anwesenden ging Pfarrer Bianca auf die Frage ein, ob eine Therapie genügt oder ob es auch Gott braucht, um Vergebung zu erfahren. «In der heutigen Zeit ist die Therapie voll akzeptiert», stellte er fest, «zum Pfarrer gehen viele nur im Notfall.» Die Kirche habe durch ihre Lust- und Körperfeindlichkeit zwar vieles zur Sünde erklärt, aber auch die Gesellschaft trage durch ihre Wertvorstellungen zur Verstärkung von Schuldgefühlen bei.
