Reformierte Kirche Küsnacht

Die Hesse-Ausstellung im Chor der reformierten Kirche war 2001 der erste Anlass von «Kunst in der Kirche Küsnacht» und bot über 200 BesucherInnen eine Gelegenheit, die Kirche als Raum der Begegnung von Religion und Kultur zu erfahren: Judit Ekhard zeigte 30 Zeichnungen, die sie zu Gedichten von Hermann Hesse gestaltet hat. Poesie und Bilder nebeneinander gestatten BesucherInnen und Besuchern, sich intensiv mit den Gedanken Hesses zu beschäftigen. Der Leiter des Hermann Hesse-Museums in Calw, Paul Rathgeber, würdigte das Werk Judit Ekhards mit folgenden Worten: «Mit ihren künstlerisch-feingliedrigen Interpretationen zu seinen Gedichten kommt sie der Intention Hesses sehr nahe.»


«Während den Gottesdiensten habe ich gemerkt, dass Gedichte von Hermann Hesse die Besucher ganz besonders ansprechen», sagte Pfarrer Andrea Marco Bianca über seine Idee für diese Ausstellung. Durch einen Galeristen lernte er in der Folge die Künstlerin Judit Ekhard kennen, welche ihrerseits von einer Ausstellung in der Kirche hell begeistert war.

Eine Kirche vermittelt Ruhe und ist auch heute noch für manche Menschen ein Zufluchtsort. «Einige suchen während der Woche die Kirche auf, um zu meditieren», stellte Pfarrer Bianca verrnehrt fest. Er ist daher mit der bildenden Künstlerin einig: «Die Kirche ist ein idealer Raum, um in aller Ruhe und abseits vom Alltag die Gedanken Hesses auf sich wirken zu lassen.» Und tatsächlich durchflutete die Ausstellung am vergangenen Samstag eine mystische Atmosphäre den Chor der reformierten Kirche.

Wer kennt nicht «Siddharta», «Der Steppenwolf» oder «Das Glasperlenspiel»? Für letzteres erhielt Hermann Hesse (1877 bis 1962; Bio 1, Bio 2) im Jahre 1946 den Nobelpreis für Literatur. Der Deutsche und später Schweizer Schriftsteller beschäftige sich besonders auch mit der indischen Geisteswelt. Während seinen Reisen und später im Tessin verfasste er zahlreiche Gedichte und begann mit etwa 4O Jahren zu malen. Über Hesses Gedichte schrieb Thomas Mann 1929: «Hesses bezaubernde Lyrik weiss eine sensitive Modernität in Laute von volkstümlicher Romantik zu kleiden.»

Sein Sohn, Heiner Hesse, der längere Zeit in Küsnacht gelebt hat, hat nun der reformierten Kirche ein Aquarell von 1918 sowie zwei von seinem Vater an ihn gerichtete Briefe als Leihgabe für die Ausstellung zur Verfügung gestellt. Als Erinnerung oder zur Vertiefung wurde eine Auswahl an Bücher und Karten zum Verkauf angeboten.

Auseinandersetzung mit Zeichnungen

Die 3O Zeichnungen von Judit Ekhard waren unverkäuflich für eine Ausstellung im Europäischen Parlament in Brüssel für das Frühjahr 2OO2 reserviert. «Nachdem ich begonnen hatte, zur Literatur Zeichnungen anzufertigen, bin ich später bei Hesse hängen geblieben», erzählte die Künstlerin inmitten der im Chor stehenden, weissen Stellwänden, an denen ihre Zeichnungen und die dazugehörenden, mit ihrer zierlichen Handschrift aufgeschriebenen Gedichte hingen.

Ein anderer Ausdruck

«In der Musik und der Malerei ist der künstlerische Inhalt derselbe, nur der Ausdruck wechselt», fuhr sie fort und meinte damit Rhythmus und (Klang-)Farbe. Ihre feingliedrigen Zeichnungen, zum Teil mit Aquarell oder Farbstiften bemalt, zeigen figürliche oder abstrakte Darstellungen und Interpretationen zu Hesses Gedichten. So hat sie auch sein Gedicht «Knarren eines geknickten Astes», das er einen Tag vor seinem Tod geschrieben hat, mit wenigen Strichen dargestellt. Der Betrachter erhält durch die visuelle Aufnahme der Gedichte somit einen ganz anderen sowie spannenden Eindruck.

Bis zur Vernissage blieben auch für den Sigristen Benjamin Ehrensperger und weiteren Helfer noch einige Arbeit. «Ganz im Gegensatz zum einstigen Gedanken der Reformation, wo die Kirche bilderlos zu sein hatte», wie der moderne und initiative Küsnachter Pfarrer bemerkte.

Quelle: Ruth Weber, Zürichseezeitung, 18.5.2001


  • Die Vernissage (mit musikalischer Begleitung durch Qi Ling Chen an der Querflöte) und die Finnisage fanden in Anwesenheit der Künstlerin statt
  • Pfarrer Andrea Marco Bianca gestaltete einen Gottesdienst zu ausgewählten Gedichten aus der Ausstellung. Die musikalische Umrahmung dazu bot Martin Wettstein am Cembalo.
  • Das Küsnachter Schauspieler-Ehepaar Harriet Hasse und Rene Scheibli bot am 27. Mai eine Lesung sämtlicher Gedichte begleitet von Bernhard Göttert mit Celloimprovisationen.