Das ChiläBar-Team organisierte einen Themenabend zum Film SNOW WHITE

Die dunkle Seite der Goldküste

Die Themen, die der Schweizer Kinofilm »Snow White» behandelt, bieten Stoff für Diskussionen. Das ChiläBarTeam lud dazu in die Kirche ein. Mit dabei war auch Regisseur Samir.

Nadja Belviso für die Zürichsee-Zeitung 14.12.2005
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Regisseur Samir im Gespräch mit dem ChiläBar-Team

Es mutet schon etwas eigenartig an, wenn in einer Kirche der Trailer eines Kinofilms gezeigt wird, der so geschnitten ist, dass vor allem Drogen konsumierende Menschen und nackte Körper zu sehen sind. Rasant flimmern die Bilder über die Leinwand, Pistolenschüsse fallen, Liebespaare schreien sich an. Die Szenerie, in welcher die Leinwand steht, ist eine völlig andere. Still sitzen ein paar Dutzend Menschen auf den Kirchenbänken, ausser dem Schein der Kerzen erhellt nichts das besinnliche Dunkel. Und doch passt alles irgendwie zusammen. Das ChiläBar-Team, Jugendliche unter der Leitung von Pfarrer Andrea Marco Bianca und der Jugendarbeiterin Sandra Osterwalder, hat zum dritten Mal die ChiläBar organisiert; ein Event in der Kirche, der jeweils unter einem bestimmten Motto steht. Am vergangenen Sonntagabend wurden Ausschnitte aus dem Schweizer Kinofilm «Snow White» gezeigt, der Stoff für gute Diskussionen um Geld, Drogen, Träume und Enttäuschungen bot.

Langweiliger Luxus

«Snow White» erzählt die Geschichte einer jungen Frau aus reichem Haus an der Goldküste, die von ihrem Leben und dem Luxus gelangweilt ist. Nico tingelt von Party zu Party, konsumiert Kokain. mit einer erschreckenden Selbstverständlichkeit und unterhält eine Affäre mit dem Besitzer ihres Lieblingsclubs. Tiefe Gefühle hegt sie nur für ihre beste Freundin Wanda, ein Arbeiterkind aus Schwamendingen. «Wenn ieh ein Mann wäre>>, denkt sie, «würde ich Wanda sofort flachlegen wollen.» Oder: «Wenn mein Haus nicht meinem Vater gehören würde, hätte ich es ihr längst geschenkt.» Als sie Paco, den Leadsänger einer Genfer Hip-Hop-Band, kennen lernt, nimmt die Geschichte ihren zerstörerischen Lauf. Denn Liebe ist kompliziert. Noch komplizierter ist sie, wenn eine verwöhnte Prinzessin auf einen kritischen Weltverbesserer trifft, der aus einer Migrantenfamilie stammt. Wenn Nico sich dann auch noch als Wanda ausgibt, weil sie weiss, dass er ihren Lebensstil nicht mögen würde, wagt man kaum mehr, auf ein Happyend zu hoffen.

Kokain erhöht Selbstwertgefühl

Das ChiläBar-Team hatte sich den Film im Vorfeld der Diskussion angeschaut und die Szenen ausgesucht, über die es sprechen wollte. Auch Fragen an den Regisseur Samir und an das Publikum hatte es vorbereitet. Nachdem die Szene gezeigt worden war, in der eine wilde Party gefeiert wurde, fragte Adrian Plüer vom ChiläBar-Team das Publikum: «Wieso geht ihr in den Ausgang?» «Wer Fragen stellt, muss sie auch selber beantworten», schaltete sich prompt Samir ein. Er gehe hin, um Spass zu haben, antwortete der junge Mann, als Ausgleich zur Arbeitswelt. Samir meinte: «Die Menschen haben den Drang, sich zu entäussern, zum Beispiel durch das Tanzen.» In vielen Kulturen gebe es religiöse Tänze, bei denen die Tänzer in eine Ekstase verfielen. Zu den Drogen, die an der Party im Film genommen worden sind, sagte er: «Eine Droge ist Ausdruck einer bestimmten Zeit. In jeder Dekade, in der ich gelebt habe, war eine andere Droge dominant.» Im Moment seien Kokain und Ecstasy besonders beliebt. In einer Zeit, in der besonders hohe Ansprüche ans Individuum gestellt würden, sei dies nicht weiter verwunderlich. Von Kokain sagt man, es pusche auf und schaffe ein hohes Selbstwertgefühl.

«Was bringt Nico zum Fliegen?», fragte ChiläBar-Teammitglied Enrico Wieland, nachdem die Szene gezeigt worden war, in welcher Nico dem Musiker auf der Bühne entgegenschwebt: «Sind es die Drogen? Ist es die Liebe? oder die Musik? Wir waren uns in diesem Punkt nicht einig.» Wenn man sich verliebe, erklärte Samir, entäussere man sich ebenfalls: «Es macht einfach Spass, dass man im Film etwas metaphorisch darstellen kann, wie etwa: Ich fliege auf dich.» Nico fliegt also auf Paco, schon beim ersten Anblick.

Ausdruck von Rebellion?

Anders sieht es bei Boris aus, dem Clubbesitzer. Mit ihm scheint sie eher eine Affäre zu haben, um sich die vielen Partygänge überhaupt leisten zu können. Das Kokain bekommt sie so immerhin gratis. «Als ich für den Film recherchiert habe, fiel mir auf, dass manche Frauen auf Anmachen eingehen, für die ich in meiner Jugend eine Faust ins Gesicht bekommen hätte», sagte Samir dazu. Damals seien Musik, Sex und Drogen Ausdruck von Rebellion gewesen. Heute wirke das Ganze eher wie ein zynischer Ausdruck für den Zustand der Gesellschaft.

Wie weit gehen für einen Traum?

Wenn einem das Wort Prostitution bei Nicos Gebaren irgendwie im Kopf herumspukt, dann kommt man bei Wanda nicht darum herum, es auszusprechen. Sie hat einen Traum: ein eigenes Haus in Ibiza. Einen «Sponsor», wie sie es nennt, hat sie bereits gefunden. Eine junge Frau aus dem Publitum fand es übertrieben, so weit zu gehen, um sich einen Lebenstraum zu erfüllen. Ein Mann gab zu bedenken: «Woher kommt denn dieser Traum? Es ist die Gesellschaft, die diesen Druck macht. Wanda prostituiert sich für das, was Nico bereits hat.» Dabei habe doch Nico bei Wandas Familie gerade die einfachen Verhältnisse geschätzt, sinnierte Pfarrer Bianca: «Sie ist fast wie eine Tochter aufgenommen worden.»

In der Diskussion über Partys und Drogen, über die Reizüberflutung und daraus resultierende Abstumpfung, wie es Natalie Vögeli nannte, über Sex als eine Gegenleistung, wie es Olivia Bonnot zur Sprache brachte, über Träume und darüber, wie es weitergeht, wenn alles zu Ende ist, wurden viele Aspekte des Films aufgegriffen und andiskutiert. Um bei jedem einzelnen in die Tiefe zu gehen, war die Zeh zu knapp. Nach der Diskussion hatte das Publikum jedoch die Möglichkeit, sich an der Bar weiter zu unterhalten, Eindrücke über die gesehenen Szenen auszutauschen, Fragen an den Regisseur, den Pfarrer und das ChiläBar-Team zu richten oder einfach die warme Stimmung in der Kirche zu geniessen. Es ist zu hoffen, dass der Film nur einen kleinen Ausschnitt der Alltagsrealität der Goldküstenjugend gezeigt hat und dass jene Jugendlichen, die nicht daran teilhaben, nach diesem Film auch nicht den Wunsch danach verspüren. Die ChiläBar-Diskussion hat dazu ihren Teil beigetragen.


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Movie: SNOW WHITE läuft bis Ende Jahr im Kino

Infos: Andrea Marco Bianca oder Sandra Osterwalder

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