

...aber weniger Vertrauen in die Kirche
«Viel Vertrauen in Gott, aber weniger in die Kirche. Der Glaube an Gott ist für viele Schweizer ein Mittel, um Krisen zu überwinden. Das Vertrauen in die Kirche ist dagegen nicht allzu gross». Dies war vor ein paar Wochen in einem Artikel der «Reformierten Presse» zu lesen.In meinen Überlegungen im Mai habe ich diese Gegenüberstellung von Glaube und Kirche mit besonderer Rücksicht auf den Glauben thematisiert. Nun will ich das Begriffspaar von der anderen Seite her beleuchten und zeigen, was der Glaube mit der Kirche überhaupt zu tun hat.
Wenn man heute von Glaube spricht und ihn der Kirche gegenüberstellt, dann versteht man in der Regel unter «Glaube» Vertrauen in Gott. Dieses Vertrauen wäre aber ganz leer, könnte man nicht angeben, welchen Gott man meint. Denkt man an Gott als das höchste Wesen des Aristoteles oder als den Gesetzgeber des Moses? Oder denkt man vielmehr an Gott als den grenzenlos Liebenden, wie Jesus es getan hat? An welchen Gott denkt man, wenn man sagt: «Ich habe viel Vertrauen in Gott»? Manche Leser werden darauf antworten: «Ich meine den Gott der Liebe. Ich denke nicht an einen Gott, der den Menschen willkürlich belohnt und bestraft, oder an ein höchstes Wesen, das sich für den Menschen gar nicht interessiert, sondern an den Gott, der den Menschen liebt und begleitet». Wenn dem aber so ist, dann sollte man sich ernsthaft überlegen, woher man von diesem Gott der Liebe weiss. Steht nicht irgendwo geschrieben: «Gott ist die Liebe»? Und wurde diese Schrift nicht von einer Gemeinschaft der Glaubenden aufbewahrt und an spätere Generationen überliefert? Und ist eine Gemeinschaft der Glaubenden nicht das Wesen der Kirche? Wir verdanken also der Kirche die Erkenntnis, dass Gott die Liebe ist. Und wenn wir diesem Gott unser Vertrauen schenken, dann schenken wir indirekt auch der Kirche unser Vertrauen; wir vertrauen nämlich darauf, dass sie die Wahrheit über Gott – das heisst die Wahrheit, dass Gott die Liebe ist – treu aufbewahrt und überliefert hat.
Anders gesagt: Der Glaube orientiert sich jeweils an einer bestimmten Tradition, und jede Tradition steht in enger Wechselbeziehung zu einer Gemeinschaft, welche diese pflegt und weitergibt. Kirche und Glaube gehören also im Wesentlichen zusammen. Die Vorstellung, dass man ohne eine Gemeinschaft der Glaubenden an den Gott der Liebe glauben könnte, ist ebenso unsinnig wie die Vorstellung, man könnte eine Sprache reden ohne eine Gemeinschaft, die diese Sprache pflegt und weitergibt. Es gibt letztlich keine private Sprache, und es gibt auch keinen privaten Glauben. Die Gegenüberstellung von Glaube und Kirche ist mithin unhaltbar. Dennoch steckt eine Schwierigkeit in der Zusammengehörigkeit von Glaube und Kirche, die ich noch nicht erwähnt habe. Auch wenn es zutrifft, dass der Glaube ohne eine Kirche, das heisst ohne eine Gemeinschaft der Glaubenden, nicht möglich ist, bedeutet das bei Weitem nicht, dass unsere Kirche eine solche Gemeinschaft ist. Und genau diesen Gedanken will ich zu einem späteren Zeitpunkt an dieser Stelle weiter verfolgen.
Pfarrer Jack E. Brush
Offene Kirche, geschlossene Kirche, leere Kirche
Kirche und Glaube gehören untrennbar
zusammen. Wie die Sprache und
die Sprechenden, schreibt Pfarrer Jack
E. Brush im Text nebenan. Er meint
nicht primär das Gebäude, aber auch
die gemauerte Kirche mit Turm und
Glocken kann Heimat und Verwurzelung
in der Tradition bedeuten, wie
Pfarrer René Weisstanner im letzten
«info» darlegte. Dennoch: Die «leere
Kirche» ist immer wieder auch die
Sorge von uns Kirchenpflegenden.
Machen wir etwas falsch? Oder anders:
Finden Gläubige ausser halb der Kirche,
was sie brauchen? Warum trägt
sie ihr Glaube – und der Zweifel
daran – nicht häufiger in die Kirche?
Vielleicht können Sie uns in diesen
Fragen einen Schritt weiterhelfen. Der
Moment ist günstig, weil zur Zeit die
Kirche in Küsnacht geschlossen ist:
«Bin verreist. Zurück in 6 Monaten.
Deine Kirche.» – Wir müssen die
Gottesdienste ohne den vertrauten
Schutz des Gebäudes Kirche abhalten,
im sachlich funktionalen Kirchgemeindehaus.
Jener von Pfarrer Andrea Marco Bianca
über einen ungewöhnlichen VW-Käfer
war denn auch auffallend «unkirchlich»
und die Anwesenden bunt durchmischt.
So wie unsere Pfarrer und die Pfarrerin
vom Gewohnten abweichen müssen:
Versuchen Sie es doch demnächst mit
einem Gottesdienst im ungewohnten Rahmen!
Er tut vielleicht neue Wege auf.
Ich wünsche uns allen viel Kirche ausserhalb
der Kirche – und ab Weihnachten
auch wieder beides in einem!
Jakob Weiss
