

Sehnsucht nach Erlösung
Kein anderer Rockstar wird für seine poetischen Texte so sehr verehrt wie Bob Dylan. Anlässlich seines 65. Geburtstages und seines neuen Albums soll sein Bezug zu Religion und Glauben beleuchtet werden.«Erschreckt nicht, wenn nah und fern Kriege ausbrechen. Es muss so kommen,
aber das ist noch nicht das Ende.» Dieses Bibel-Zitat (Markus 13,7) findet sich in
Dylans Antikriegslied «Let Me Die In My Footsteps» (1963). Es ist typisch für Dylans
endzeitliche Glaubensfragen – und ist auch 43 Jahre später noch immer hochaktuell:
Ein besonderer Reiz von Dylans Songs liegt in ihrer zeitlosen Gültigkeit.
Dylan hat seit seinen Anfängen in den 60ern bis heute Texte mit moralischem und reli-
giösem Anspruch geschrieben. Der profunde Dylan-Deuter Michael Gray sieht dabei
seine «Sehnsucht nach Erlösung» zusammen mit Dylans Suche nach «moralischer
Klarheit » als Leitmotiv in seinem gesamten Werk.
Seine explizit christliche Phase durchlebte der jüdisch aufgewachsene Dylan von 1979
bis 1981, als er sich zu Jesus bekehrte und sich taufen liess. Messerscharf war damals
seine Kritik an einer oberflächlichen Religiosität. In Anlehnung an Johannes 14,6 for-
derte er in einem Interview einen persönlichen Glauben: «Christus hat keine Religion
gepredigt. Er predigte die Wahrheit, den Weg und das Leben.»
Dylan hat es jedoch abgelehnt, deswegen als Fundamentalist bezeichnet zu werden:
«Ich war nie ein Fundamentalist... das sind nur Labels, welche Leute einem anhängen.»
Er wollte nicht auf eine bestimmte Rolle festgelegt werden. Seine religiöse Entwicklung
verlief in Phasen: Dabei reifte er vom «unerbittlich Suchenden» und «widerwilligen
Propheten» zu einem spirituellen Menschen, dem es «wohl ist in seiner Haut».
Biblische Zitate finden sich denn auch schon in seinen frühen Protestsongs. In «The
Times They Are A-Changin’» (1964) werden zum Beispiel die Letzten wie in der Bibel
(Markus 10,31) die Ersten sein. Dylan war aber kein Heiliger. Sein Ringen bei der
Umsetzung seiner Einsichten erinnert vielmehr an den Gegensatz von «Fleisch» und
«Geist» bei Paulus: «Wir bringen es zwar fertig, uns das Gute vorzunehmen; aber wir
sind zu schwach, es auszuführen» (Römer 7,18b).
Wenngleich seine neueren Texte mehr indirekt über das Symbol «Liebe» auf solchen
Glauben hinweisen, berichteten Mitmusiker, dass sie mit Dylan vor Konzerten gebetet
hatten.
Und auf seinem neuen Album «Modern Times» ist die Bibel wieder präsenter als auch schon: Vom Geist über den Wassern und dem Nächsten, den man lieben soll wie sich selbst bis zum Gebet, das nicht (sogleich) bewirkt, was man sich wünscht.
Zudem anerkennt Dylan eine «höhere Macht» als Quelle für seine Musik.
Dabei geht es Dylan nie um eine postmoderne Beliebigkeit von Religion, sondern um
Liebe und Gerechtigkeit für die aktuelle Situation der Welt: «Es kommt eine Zeit,
in der man den Fakten ins Auge sehen muss, und die Wahrheit ist wahr – ob man es
glauben will oder nicht... diese Lüge, dass jeder seine eigene Wahrheit in sich trägt, hat
viel Schaden angerichtet.» Dylan fordert alle seine Hörerinnen und Hörer bis heute
immer wieder neu heraus, Verantwortung für die Würde des Lebens wahrzunehmen:
«Ich bin nicht an ein Bekenntnis gebunden; ein frommer Christ oder Muslim kann
genauso wirkungsvoll sein wie ein frommer Jude.»
Pfarrer Andrea Marco Bianca
Macht der Freiheit
Das Thema für diese Kolumne ist frei,
ich kann so etwas wie Allmacht aus-
üben. Die unendlich weite Sparte
«Gott und die Welt» steht mir zur
Verfügung. Also: Noch mehr zum
Fussball? Oder interessiert Sie mein
Ressort Jugend? Nur: Dieses spannende
Arbeitsfeld wirft Fragen auf, die zu be-
antworten der Platz hier niemals reicht.
Eben doch Sport und die Welt!
Nein. Die Freiheit, das Thema zu
wählen, zwingt mich sozusagen, über
Freiheit nachzudenken. Dieses Wort ist
nicht nur für die 1. August-Schweiz
eines der höchsten (und umstrittens-
ten) Wörter. Es offenbart schon auf
diesem kleinen Raum, wie Freiheit und
Zwang, oder milder ausgedrückt, Frei-
heit und Selbstbeschränkung ineinan-
der verknüpft sind. Unter dem Zwang,
Freiheit auszuüben, stehe ich nur noch
meiner eigenen Verantwortung gegen-
über. Und woher habe ich eigentlich
die, wer oder was hat mein Verständnis
von Verantwortung geformt?
Wieder eine grosse Frage. Es war jeden-
falls nicht nur jener Lehrer, der mir
befahl, nie einen Satz mit «und» zu
beginnen. Diese Erinnerung zeigt je-
doch, dass Verantwortung an Macht
gekoppelt ist.
Warum aber nur fordert kaum sicht-
bare Macht oft viel schwerwiegendere
Verantwortungsgefühle heraus, als es
offensichtlich die grossen Machtbefug-
nisse tun, die eine Mehrheit von uns
nur vom Hörensagen kennt?
Ich wünsche Ihnen und mir einen stets
guten Umgang mit der (All-)Macht der
Freiheit.
Jakob Weiss
