Malteser Kreuz
Reformierte Kirche Küsnacht
Leitartikel & Editorial    «info» September 2005
 

Die Hand reichen

Für viele von uns ist die schöne Ferienzeit jetzt schon wieder vorbei, aber wir zehren noch von sonnigen Momenten, interessanten Begegnungen, neuen – vielleicht lehrreichen – Eindrücken und erinnern uns gern an wunderbare Erlebnisse und
spannende Geschichten, die wir in der freien Zeit gelesen haben oder die uns erzählt wurden, so wie mir…


In Cornwall, in der imposanten Kathedrale von Truro, besuchte ich an einem Sonntagnachmittag einen anglikanischen Gottesdienst, und dort hörte ich eine Geschichte, die mich sehr berührte und noch eine ganze Weile beschäftigte. Daher möchte ich sie mit Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, teilen. Die Novelle, die der anglikanische Geistliche nacherzählte, stammt von Honoré de Balzac und erschien erstmals im Jahre 1830 in «La Revue de Paris»:

Einem in arabische Gefangenschaft geratenen Soldaten gelingt die Flucht, er erreicht eine Oase und sucht Unterschlupf in einer Grotte. Bald muss er feststellen, dass er nicht allein ist – ein Leopardenweibchen liegt schlafend dort. Für den Soldaten gibt es kein Zurück mehr, und da er keine Möglichkeit sieht, das Tier zu überwältigen, beschliesst er, es zu zähmen. Und es gelingt: Seine Liebkosungen behagen dem Raubtier sehr, es wird anhänglich, benimmt sich zuweilen fast wie ein Hauskätzchen. Dennoch ist sich der Soldat der scharfen Zähne und kraftvollen Pranken seiner Gefährtin nur zu bewusst. Zunächst wartet er denn auch auf den richtigen Moment, sich ihrer zu entledigen.
Bald jedoch empfindet er Respekt vor dem Tier, das ihm nichts zuleide tut, und schliesslich scheint es ihm, als habe er in der grenzenlosen Wüste einen Freund gefunden. Mit Ungeduld wartet er auf den passenden Moment, aus dieser ungewöhnlichen Lebensgemeinschaft » fliehen zu können – geradezu eifersüchtig scheint ihn die Leopardin zu bewachen. Bei einem unbeholfenen Fluchtversuch verfolgt ihn die Bestie und rettet ihm das Leben, als er im Treibsand zu versinken droht. Es entwickelt sich eine tiefe Freundschaft zwischen Mensch und Tier, und schon bald fürchtet der Soldat nicht mehr um sein Leben.
Als ihn jedoch das ergebene Tier eines Tages liebkosend in den Schenkel beisst, tötet es der Soldat aus einem plötzlich erwachenden, falschen Misstrauen heraus mit seinem Dolch. Sterbend sieht ihn das Tier ruhig und zornlos an. Alles hätte der Soldat gegeben, hätte er die Leopardin wieder lebendig machen können: «Es war, als hätte ich einen Menschen ermordet», erzählt er später.
Missverständnisse, wie in dieser Novelle berichtet, kennen wir aus unserem täglichen Leben.  Auch unser Zusammensein, unsere Beziehungen scheitern oftmals an Missverständnissen,an  zu schnellen Reaktionen, an einem schnell dahin geworfenen Wort – manchmal auch am nterbleibenden Versuch, sei es aus Stolz oder aus Angst vor Zurückweisungen, wieder auf den  anderen Menschen zuzugehen, die Hand zu einer versöhnenden Geste auszustrecken, dem Gegenüber eine zweite Chance einzuräumen. Solche Geschichten von Scheitern und Tod  kennen wir also nur zu gut.

Aber als Christinnen und Christen dürfen wir darauf bauen, dass dies nicht alles ist. Die Geschichten, die uns von Jesus überliefert wurden, können wir als  «Gegengeschichten» dazu bezeichnen. Sie thematisieren gelungene, lebendige Beziehungen,  sie berichten von Gemeinschaft und Nähe. Jesus erzählt Geschichten, die Scheitern und Tod hinter sich lassen, und er etabliert eine Praxis, in der wahre Begegnung und Sichverstehen möglich und wirklich werden. Diese Geschichten machen uns Mut, einander  immer wieder die Hand zu reichen.

Alke de Groot, Vikarin



 

Sommerzeit, FerienzeitDer Sommer neigt sich dem Ende entgegen. Ich geniesse meinen Garten, erfasse mit allen Sinnen was blüht, gedeiht, duftet, reift, fliegt und summt.
Arbeiten im Garten ist erholsam, gibt Denkanstösse. Verwandlung ist sicht- und greifbar.
Ich staune über das Wunder, wie farblose Libellen ihrer Larvenhülle entschlüpfen, sich heraus schälen, sich strecken. In schillernden Farbtönen tanzen sie über dem Teich.
Leere Libellenlarven, am Pflanzstengel hängend, weisen hin auf die veränderte Lebensform, wie dies  auch Libelleneier tun, die kurze Zeit auf dem Wasser schwimmen. Dem Algenfangnetz  entlassen, krabbeln dunkelgraue Libellenlarven zielstrebig ins Wasser zurück.
«Grzimeks Tierleben» ist stets griffbereit. In der Einleitung lese ich, dass die Libelle für die Heiden eine Sonnenkünderin und Sommerbotin war und später, «als die neue Lehre bisher Heiliges in Teuflisches verkehrte», die Libelle zum Teufelsbolzen, zur Satansnadel oder Augenstecherin wurde. Ob es die Zeit oder Notwendigkeit war, das Helle, Wunderbare ins Dunkle, Negative zu kehren? Ob es an den Verwandlungs- oder Reifezyklen liegt – die bei der Libelle in der Tiefe (des Wassers) und im Licht geschehen – welche die Menschen ebenfalls durchlaufen? Wir ahnen im Verborgenen die Kraft, die aufbrechen, wachsen, spriessen lässt... Geben wir Raum, Zeit, Vertrauen und Hoffnung, damit sie sich zum Guten entfalten und wirken kann. Sonnenboten freuen mich!
Margareta Hari-Wetli
Mensch und Kirche
Evangelisch-reformierte Landeskirche Kanton Zürich