Malteser Kreuz
Reformierte Kirche Küsnacht
Leitartikel & Editorial    «info» Juli 2007
 

Wo der Himmel zu suchen und zu finden ist

Zwei Mönchen war der Himmel zu hoch. In einem alten Buch lasen sie von einem Ort, an dem sich Himmel und Erde berühren. Sie beschlossen, diesen Ort zu suchen und durchwanderten die Welt. Unterwegs bestanden sie unzählige Abenteuer, überwanden viele Gefahren, erlitten Entbehrungen und Versuchungen, doch sie blieben standhaft und suchten beharrlich weiter.

Sie hatten gelesen, eine Tür sei dort. Man brauche nur anzuklopfen und befände sich
bei Gott und allen Lieben. Schliesslich fanden sie sie und klopften an. 
Bebenden Herzens sahen sie, wie sich die Tür öffnete,
und als sie eintraten, da standen sie zuhause in ihrer Klosterzelle.
Da begriffen sie: Der Ort, an dem sich Himmel und Erde berühren, befindet sich auf
dieser Erde, an der Stelle, die Gott uns zugewiesen hat, dort, wo wir zuhause sind.

Wo wir zuhause sind ...
Das wird uns fort von zuhause oft besonders bewusst. Viele sehnen sich danach, fortzu-
fahren, ab und zu alles hinter sich zu lassen, Abstand zu gewinnen und kommen dann
gern wieder zurück – mit vielen Erlebnissen und Erkenntnissen und guten Vorsätzen,
ein Stück vom Himmel und zeitlose Augenblicke in der Hektik des Alltags zu bewahren.

Ich wünsche allen, die in die Ferien fahren oder auch nur ab und zu einen Tag lang aus-
fliegen und den Sommer geniessen, dass sie eine Fülle solcher Erfahrungen und innerer Augenblicke mit nach Hause bringen, aus der sie dann immer wieder schöpfen können.

Ganz besonders – im doppelten Sinn – wünsche ich es Thomas Habegger, der nicht
nur in die Ferien fährt, nicht nur, wie jedes Jahr, die weite Reise in die Heimat seiner
Frau vor sich hat, sondern nun alles hinter sich lässt und dort mit seiner Familie auch
für sich eine neue Heimat finden will.

Überall, wo er im Stillen gewirkt hat:
als treuer Seelsorger, als liebevoller grosser Freund der Kleinen, als Pfarrer für Familien, im Unterricht und in Gottesdiensten –
am Sonntag und im Alltag, wenn es galt, Abschied zu nehmen –
im Altersheim und im Spital und bei so vielen Begegnungen zuhause oder auf der Strasse, wo er immer Zeit für uns hatte – ein offenes Ohr und ein offenes Herz und so oft das richtige gute Wort, das aus seiner tiefen Spiritualität aufstieg –
all das möge nicht nur im Himmel geborgen sein, sondern auch in ihm –
und zu einer Quelle werden, aus der ihm in der neuen Heimat in der Neuen Welt immer wieder all das zufliesst, was er dort als Wegzehrung brauchen wird.

Das wünsche ich ihm...
...und Gottes reichen Segen für unseren lieben Bruder Thomas!

Pfarrer Brigitte Crummenerl



 

Vom Sinn des Labyrinths

In der heutigen hektischen Zeit suchen wir wieder vermehrt Orte der Besinnung. Einen solchen Ort können wir im Labyrinth finden. Vielerorts sind in jüngster Zeit solche Anlagen entstanden. Im Labyrinth gibt es keine Orientierungsprobleme. Ein einziger Weg führt vom Eingang zum Zentrum, aber in vielen überraschenden Windungen, die zeitweise wieder weit weg vom Ziel führen. Auf dem Weg konzentriert sich der Besucher nach Innen, stellt sich die Frage nach dem Sinn des gewundenen Weges und – im übertragenen Sinn – nach dem Sinn seines gegenwärtigen Lebens. Im Zentrum endet der Weg. Der Besucher muss seine Gehrichtung ändern. Er kommt erst wieder zur Aussenwelt, wenn er sich umdreht und den Eingang zum Ausgang macht. Bezogen auf sein Leben, muss der Besucher vielleicht etwas Ähnliches tun und die Chance eines Neubeginns ergreifen. Der Weg im Labyrinth symbolisiert – psychologisch gesehen – einen Entwicklungsweg des Menschen, eine Suche nach seiner Mitte, nach sich selbst. Wenn wir in unsere Mitte gehen und all das ablegen, was wir fälschlicherweise meinen tun zu müssen, dann finden wir wieder unsere eigenen Anlagen, unsere eigene Bestimmung. Ein eindrücklicher Sinnspruch für das Labyrinth stammt von der kürzlich verstorbenen Lyrikerin Agnes Mirtse: «Weiter, weiter hinein; erst wenn du verloren bist, beginnt der Weg nach aussen; erst wenn du alles aufgibst, geht die Sonne auf».

Heidi Ringli

Mensch und Kirche
Evangelisch-reformierte Landeskirche Kanton Zürich