

Von «ö+» träumen
Mit einem «ö» werden in unserem Gesangbuch ökumenische
Lieder bezeichnet. Als «ö+» gilt ein Lied, wenn es sowohl «in
Text» als auch «in Melodie» mit einem Lied im katholischen
Gesangbuch übereinstimmt. Könnte eine solche Übereinstimmung,
wie sie im Gesangbuch gelingt, ein Leitbild für die Gemeindearbeit sein?
Im kirchlichen Alltag ist nicht immer alles so wohl geordnet wie im Gesangbuch:
Manchmal fehlen die richtigen Worte – und ein ökumenischer Text will nicht mit der
eigenen Tradition übereinstimmen. Oder man trifft den falschen Ton – und eine
ökumenische Melodie will nicht wirklich klingen. Was im sonntäglichen Gesang
gelingt, bleibt im alltäglichen Reden oft ein Traum.
So erlebt man in christlichen Gemeinden einiges nicht als «ö+», also vollumfänglich ökumenisch, sondern gewissermassen als «ö-» – als «eingeschränktes» Liedgut,
welches «nicht in allen Teilen» mit der jeweils anderen Kirche übereinstimmt. Was
ist der Grund? Aufgrund von Traditionen, die sich über Jahrhunderte verfestigt haben,
ist vieles klar katholisch oder rein reformiert. Und was steckt dahinter, wenn
mancherorts auch heute noch daran festgehalten wird? Ist es die Angst, seine eigene
kirchliche Identität zu verlieren? Meine Gegenfrage: Was nützt es uns, die konfessionellen Identitäten «reformiert» und «katholisch» zu bewahren, wenn wir damit die gesellschaftliche Berechtigung der Kirchen aufs Spiel setzen? Deshalb träume ich von zwei Kirchen, die in wesentlichen Bereichen «ö+» sind.
Warum? Zum einen: In der Herausforderung durch den Zeitgeist und andere Religionen
haben die Reformierten und Katholiken kaum eine Chance als christliche Volkskirchen
zu bestehen, wenn sie ihre Verschiedenheiten zelebrieren. Zum anderen: In meinem
Einsatz als Armeeseelsorger und als Religionslehrer habe ich erfahren, dass es nicht nur möglich, sondern sogar erwünscht ist, «ö+» zu sein: Im Militär werden gute Seelsorger geschätzt und in der Schule sind gute Lehrer gefragt: ob sie reformiert oder katholisch sind, spielt keine Rolle. Es genügt, dass sie «christlich» sind – mit meinem italienischen Namen wurde ich nämlich schon oft der «falschen» Konfession zugeordnet.
Wegweisend für beide Kirchen könnten deshalb die zwei Lieder sein, die im Abschnitt «Kirche in weltweiter Gemeinschaft» mit «ö+» bezeichnet sind: Diese Lieder zielen in ihren letzten Strophen auf christliche Einheit und Gleichheit. Das eine Lied, «Oh Jesu Christe, wahres Licht», will die Zusammenführung aller Verlorenen, Verblendeten oder Verzweifelten. Und das andere Lied, «Sonne der Gerechtigkeit», versucht alle Verirrten wieder zusammen zu bringen. Aus diesen zwei Liedern ergibt sich ein «ö+»-Leitbild: Kirchen können nur dann Erleuchtung und Gerechtigkeit bringen, wenn sie «in Text und Melodie» übereinstimmen; das heisst, wenn sie sich in den Kernfragen des Glaubens gegenseitig anerkennen – und so eine christliche Einheit bilden. Vielleicht wäre es in diesem Sinne sogar katholischer und reformierter «ö+»-Melodien zu komponieren und «ö+»-Worte zu suchen – als sich damit zu begnügen klar katholisch oder rein reformiert zu sein...
Pfarrer Andrea Marco Bianca (ein ähnlicher Text erschien auch im Pfingstbrief der
Römisch-katholischen Pfarrei Küsnacht- Erlenbach)
Kasualien
Unsere Kirchgemeinde zählte Ende
letztes Jahr 5701 Mitglieder. 93 Be-
stattungen standen 43 Taufen und 55
Konfirmationen gegenüber. Wie oft
bei Statistiken verstecken sich viele
Fragen hinter den trockenen Zahlen.
Soll man den abnehmenden Trend
beklagen oder sich eher an der weiter-
hin grossen Zahl an Mitgliedern
erfreuen?
Für uns als neu gewählte Kirchen-
pflege stellt sich die Aufgabe, ein Pro-
gramm anzubieten, das eine möglichst
grosse Zahl von Gemeindemitgliedern
anspricht. Neue Angebote sollen dazu
beitragen, diesen Anspruch zu erfül-
len. Dank der Grösse unserer Gemein-
de, der Vielfalt unserer Pfarrer und
kirchlichen Mitarbeiter können wir
eine ganze Palette an Aktivitäten
anbieten, die den Menschen den
Zugang zur christlichen Botschaft
erleichtern.
Wichtig sind in diesem Zusammen-
hang Gottesdienste zu Taufe,
Hochzeit und Beerdigung. Oft sind diese
Kasualien für viele Gemeindemitglie-
der der einzige Kontakt zur Landes-
kirche. Taufen finden im sonntäglichen
Gottesdienst statt. Dies ist nicht nur
eine Bestimmung der Kirchenord-
nung der Evangelisch-reformierten
Landeskirche, sondern vor allem eine
Einladung an die Eltern, Paten und
Freunde des Täuflings, diesen im
christlichen Glauben zu erziehen. Per-
sönlich freue ich mich über jedeTaufe.
Dieses Bekenntnis zum christlichen
Glauben ist heute nicht mehr selbst-
verständlich.
Gerhard Hubmann
