

Steine erzählen ...
Spiralen und Kreise in Gräbern,
auf die zur Sonnenwende ein Sonnenstrahl fällt –
Steinkreise, uralte Kalender,
Beschwörung der Fruchtbarkeit –
Tempel von riesigem Ausmass,
in denen man sich ganz klein vorkommt –
und eine Quelle, ein Baum, ein heiliger Hain...
All das hat mit dem Glauben der Menschen zu tun.
Wir wissen nicht, was sie glaubten.
Wir können es nur ahnen.
Die Hoffnung schimmert durch die Zeiten hindurch.
Die Zeichen weisen in die Ewigkeit.
Das Licht besiegt die Angst vor dem Tod.
Was sagen uns die Zeichen?
Nur das, was wir wissen?
Oder auch das, was uns unbewusst ist?
Solche Fragen erwachen an heiligen Stätten.
Die Steine sprechen, wenn wir sie lange betrachten,
und manchmal spürt man die Kraft aus der Tiefe,
den offenen Himmel über sich.
Im Jordan standen zwölf Steine.
Der Ort hiess Gilgal, das Rad;
und die Steine standen sicher im Kreis.
Auf die Frage der Kinder: Was bedeuten die Steine?
sollten die Väter vom Wunder erzählen:
Die Wasser des Jordan wichen zurück,
das Volk zog trockenen Fusses hindurch.
Neben den vielen Tempeln mit Namen,
auf der Akropolis in Athen,
war einer dem unbekannten Gott geweiht.
Und Paulus sagte: Was ihr unwissend verehrt,
das verkündige ich euch:
Gott zu suchen, ob wir ihn spüren und finden,
dazu sind wir auf der Welt.
In ihm leben und weben und sind wir.
Und Gottes Geist flüstert in den Steinen
und erfüllt Buchstaben mit Leben.
Er weckt in uns Glauben; und er weht, wo er will.
Nicht nur an besonderen heiligen Orten,
auch mitten in unserer oft heillosen Welt.
Mal spüren wir den Raum seiner Nähe,
oft kommt er leise und unerkannt.
Manchmal können wir Zeichen erkennen,
deuten oft erst im Nachhinein.
Doch immer gilt uns die Verheissung:
In seinem Geist wird er mit uns sein.
Pfarrer Brigitte Crummenerl
InnehaltenKurz nach Ostern, auf der Suche nach dem Frühling, reisten wir mit der Eisenbahn durch den Gotthard. Jedes Mal lässt mich die geniale Linienführung, welche auch den heutigen Anforderungen noch weitgehend genügt, und die Einpassung der vielen Brücken und Kehrtunnels ins vorgegebene Gelände staunen.
Doch muss die Baustelle damals vor rund 130 Jahren die im Urserental und in der Leventina lebenden Bergbauern an die Geschichte vom Turmbau zu Babel erinnert haben. Im Durchschnitt haben damals 5472
Arbeiter auf den verschiedenen Baustellen gearbeitet. Heute geht es mir ähnlich, wenn ich an den Neat-Baustellen vorbeifahre, wo seit Jahren unzählige Menschen verschiedenster Sprachen miteinander am längsten und wohl auch teuersten Tunnel der Welt bauen. Die neue Strecke wird uns zwar die Reise in den warmen Süden verkürzen, gleichzeitig nimmt sie uns aber ein weiteres Stück Beschaulichkeit in unserem Leben.
Offen bleibt die Frage, was nach diesem gigantischen Bauwerk als nächstes in Angriff genommen wird.
So wünsche ich mir, dass wir uns trotz der immer weiter fortschreitenden Technik ab und zu einen Moment des
Innehaltens und der Ruhe bewahren können. Käthi Freund-Müller
