

Wahrheit und Lüge
Zu den herausragendsten und prägendsten Gestalten des20. Jahr hunderts gehören zweifellos Dietrich Bonhoeffer und
Martin Luther King. Beide waren sie Pfarrer, beide sind sie
ihrer Überzeugung wegen ermordet und zu christlichen Märtyrern
geworden. Bis heute haben sie nichts von ihrer Strahlkraft,
ihre Worte nichts von ihrer Wirkung eingebüsst – bis
hinein in den kirchlichen Unterricht.
Vor nicht langer Zeit habe ich mit meinen Schülern einen Film über den Theologen und Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer angeschaut. Wir haben in der Nachbesprechung unter anderem darauf geachtet, wie Bonhoeffer mit Wahrheit und Lüge umgegangen ist. Beim Verhör nach dem gescheiterten Attentat auf Hitler wurde er auf seine Mitwisserschaft angesprochen. Als er seine Aussage verweigerte, gemahnte man ihn an seine Pflicht, zumal als Geistlicher die Wahrheit sagen zu müssen. Bonhoeffer war nicht weich zu kriegen und schwieg. Im Film begründet Bonhoeffer sein Schweigen, das ihm als Lüge ausgelegt wurde, seinen Vertrauten gegenüber mit einer Beispielsgeschichte:
«Ein Kind wird von seinem Lehrer vor der Klasse gefragt, ob es wahr sei, dass sein Vater oft betrunken nach Hause komme? Es ist wahr, aber das Kind verneint es. Es ist durch die Frage des Lehrers in eine Situation gebracht, der es noch nicht gewachsen ist. Es empfindet nur, dass hier ein unberechtigter Einbruch in die Ordnung der Familie erfolgt, den es abwehren muss. Was in der Familie vorgeht, gehört nicht vor die Ohren der Schulklasse.» (Bonhoeffer, Ethik, 390/287)
So wie der Lehrer seine Macht missbraucht und den Schüler bloss stellt, so missbraucht Bonhoeffers Gegenspieler die Macht, um aus ihm herauszupressen, was dieser «die Wahrheit» nennt, und jenen dazu zwingen würde, sich selbst und seine Freunde ans Messer zu liefern. Bonhoeffer hätte es vor seinem Gewissen nicht verantworten können, die Wahrheit zu sagen und damit einem Menschen verachtenden und mordenden Regime Hand zu bieten. Er hat sich mit seinem Handeln in der Nachfolge Jesu gesehen, der das Liebesgebot über alle andern Gebote stellte, auch über das neunte Gebot: «Du sollst nicht falsches Zeugnis reden wider deinen Nächsten».
Der bedingungslose und ausnahmslose Ruf nach der Wahrheit und seine Befolgung geraten zum Zynismus, wenn Situation und Wirklichkeitsbezug ausser Acht gelassen werden. Manchmal hilft allein eine Lüge, wenn es darum geht, Menschen zu schützen und ihre Würde zu achten. Und nicht selten dient die so genannte Wahrheit nur dazu, Menschen zu verletzen, blosszustellen und abzuservieren.
Pfarrer René Weisstanner
Geschichten zum Nachdenken«Heute bei Tagesanbruch wurde ich geboren,
verlebte meine Kindheit am Morgen,
und über Mittag
hatte ich bereits meine Jugend verbracht.
Es erschreckt mich nicht,
dass meine Zeit so schnell vergeht.
Doch beunruhigt mich ein wenig der Gedanke,
dass ich vielleicht morgen
schon zu alt dazu bin,
das zu tun, was ich bislang aufgeschoben habe.»Das kleine Buch von Jorge Bucay, in dem ich heute dieses Gedicht gelesen habe, begleitet mich seit einigen Tagen auf meinen Heimfahrten vom Büro. Es ist jene Zeit am Tag, da ich allein bin, die berufliche Spannung meist nachgelassen hat und die Hektik in Müdigkeit umgeschlagen ist. Der Zug ist um diese Zeit nicht mehr so voll. Bucays Texte sind kurz, so dass ich ihnen, müde wie ich dann jeweils bin, einfach folgen kann... und den Gedanken nachhänge, die durch die Texte animiert werden. Ist das, was ich heute getan habe, wirklich das, was ich mit meinem Leben, mit meinem Sein tun möchte? Sind meine Kräfte an Orten oder in Menschen investiert worden, wo Sinn gestiftet wird? Tue ich das Richtige auch richtig? Richtig, was heisst das schon? Wer beurteilt das? Antworten finde ich keine, so schnell schon gar nicht. Aber es ist es wohl wert, sich zwischendurch diesen Fragen zu stellen. Auch wenn es nur auf der abendlichen Bahnfahrt ist. Marianne Fischer
