Malteser Kreuz
Reformierte Kirche Küsnacht
Leitartikel & Editorial    «info» März 2008
 

Aus der Finsternis werde Licht

Das symbolische Wechselspiel von Finsternis und Licht gehört zu den Grunderfahrungen des Menschen und bildet zugleich ein wichtiges Element des christlichen Glaubens.

Schon in der Schöpfungsgeschichte im 1. Mose lesen wir von der Urfinsternis des
Gestaltlosen und vom erschaffenen Licht, das der Finsternis eine Grenze setzt und
einen Lebensraum für den Menschen gestaltet. «Und die Erde war wüst und öde, und Finsternis lag auf der Urflut, und der Geist Gottes bewegte sich über dem Wasser. Da
sprach Gott: Es werde Licht! Und es wurde Licht. Und Gott sah, dass das Licht gut war.
Und Gott schied das Licht von der Finsternis.»

Der normale Rhythmus von Tag und Nacht, der zu unserem Alltag gehört und der uns
so selbstverständlich erscheint, beruht letztlich auf der Scheidung des lebensspendenden Lichts der Urfinsternis. Tiefenpsychologisch lässt sich diese Scheidung mit dem
Unterschied zwischen dem Bewusstsein und dem Unbewussten in Verbindung setzen.
Das Licht des Bewusstseins unterscheidet sich von der Finsternis des Unbewussten. Das
Licht des Bewusstseins ermöglicht unseren Umgang mit der Aussenwelt, während die Finsternis des Unbewussten sich sehr oft in der Innenwelt der Träume meldet. Und
doch ist das Wechselspiel zwischen beiden eine Grunderfahrung, dank derer der
Mensch einen normalen Lebensrhythmus finden kann.

Die Symbolik von Finsternis und Licht ist aber noch tiefer mit dem Menschsein ver-
woben, als eine tiefenpsychologische Deutung erkennen lässt – und sie führt letztlich in
den religiösen Bereich von Lebensfreude und Todesangst. An der Grenze von Leben
und Tod, im Wechselspiel von Finsternis und Licht, werden Lebensfreude und Todes-
angst in ihrer höchsten Intensität erfahren – und gerade an dieser Grenze kann die
Todesangst in Lebensfreude umgewandelt werden. Darum hat Luther immer wieder
gesagt: Gott tötet, um lebendig zu machen. Gott führt uns durch die Hölle zum Him-
mel. Gott ist ein verzehrendes Feuer, das läutert und rettet. Wer die Urfinsternis nicht
kennt, der kennt auch nicht das wahre Licht, das in die Welt gekommen ist, um die
Menschen zu erleuchten.

Das Wechselspiel von Finsternis und Licht bildet auch den Rahmen der Karwoche und
der Osterfeier: die Finsternis von Karfreitag, das Licht von Ostern. Und in einem
Gottesdienst der Karwoche, den man «Tenebrae» (Finsternis) nannte, wurde seit dem Mittelalter das Wunder von Finsternis und Licht gefeiert. Der Tenebrae-Gottesdienst
ist eine liturgische Feier mit Kerzenlicht und Dunkelheit, mit Musik und Lesungen, mit Abendmahl und stiller Meditation. Am Gründonnerstag, um 20 Uhr im Chor der
Kirche, werden wir diesen Gottesdienst zum ersten Mal in Küsnacht feiern. Alle Mit-
glieder unserer Gemeinde und auch Gäste sind dazu recht herzlich eingeladen.

                                                                                                             Pfarrer Jack E. Brush



 

«Entwicklungshilfe» – Hilfe am Nächsten – Nächstenliebe...

Als frischgebackene Kirchenpflegerin
wies mir der damalige Präsident Dr. Hans
Schnider das Ressort «Freihof» zu und
meinte: Die Aufgabe im Vorstand dieser
Drogeninstitution wird nicht einfach sein
– «zum Trost» übernimmst Du noch die
«Entwicklungshilfe», die unproblemati-
scher sein dürfte.
14 Jahre sind seither vergangen, die
Gewichte haben sich verschoben: Der
Freihof – 1979 von Kirchenpflegern und
Pfarrern nach anfänglichen Widerstän-
den ins Leben gerufen – ist heute ein
selbständiger Verein, der kantonsweit
Ansehen geniesst, in der Gemeinde ver-
ankert ist und von keiner Seite mehr in
Frage gestellt wird.
Anders die Entwicklungszusammen-
arbeit, deren Nutzen zunehmend in der
Kritik steht: Was bringt es, wenn Geld in
arme Länder fliesst? Geht es um das
Gewissen der Industrienationen, die mit-
verantwortlich sind für das Nord-Süd-
Gefälle? Kommt die Hilfe überhaupt an?
Sollten diese Gelder nicht besser Schwei-
zern zugute kommen?
In der kirchlichen Arbeit heisst das
Losungswort «Teilen»: Gerade weil «der
Süden» heute auch «im Norden» anzu-
treffen ist, muss Hilfe überall geschehen –
im In- und Ausland – hin zu einer Welt,
in der die Güter dieser Erde besser verteilt
sind und die Menschen lernen, einander
zu akzeptieren und zu unterstützen.
Ökumene, Mission und Entwicklung –
wenn Sie mehr darüber wissen möchten,
seien Sie unser Gast am Sonntag, 9. März:
«Sonntag für Entwicklungszusammen-
arbeit – Thema Multikulturell» (siehe Seite
4 und Kalender Rückseite).
Übrigens: Ich bin Hans Schnider bis
heute dankbar für die Zuteilung der zwei
Ressorts, die sich als beglückende He-
rausforderung erwiesen haben...

                                      Marianne Guggenbühl

Mensch und Kirche
Evangelisch-reformierte Landeskirche Kanton Zürich