

«Sie spinnen? Hoffentlich!»
Welch unverschämte Frage und welch noch unverschämtere Hoffnung – auf den ersten Blick. Wer möchte sich schon gerne als Träger von Hirngespinsten verstanden wissen?
Vom ersten Schreck erholt, fällt der Blick auf die Herkunft dieses Wortes: «Spinnen» hat mit konkreter Handarbeit zu tun und bedeutet «Fasern zum Faden drehen», sei es am Spinnrad oder in neuerer Zeit maschinell. Da geht es also um die Herstellung von Garn und Faden zwecks Weiterverarbeitung zu wie auch immer gearteten Textilien. Andererseits ist mit dem Begriff natürlich auch die oftmals ungern gesehene Untermieterin gemeint: die Spinne. Sie betätigt ihre Drüsen, um ein wahrlich kunstvolles Netz, das Spinngewebe oder Spinnennetz, zu spannen.
Ich habe kürzlich beobachtet, wie so eine Spinne auf unserem Balkon von Tag zu Tag während einigen wenigen Wochen ihr Netz gespannt hatte. Ich war erstaunt, wie widerstandsfähig diese feinen Fäden waren, befestigt an vier oder fünf Stellen, dem Wind und der Kälte ausgesetzt. Und plötzlich war die Spinne weg und das Netz verwaist.
Es ist ja so, dass Spinnen und Spinngewebe den Ekel vieler Menschen hervorrufen. Das negative Image mag verschiedene Gründe haben: Manchmal fressen die Spinnenweibchen die männlichen Exemplare auf, sie stehen im Ruf generell giftig und gruselig zu sein und wirken sehr unfassbar mit ihren acht dünnen und sehr schnellen Beinen. Und das Spinngewebe ist quasi Inbegriff für etwas, in dem man sich verfangen könnte, möglicherweise gar eingewickelt würde und unter Umständen nicht mehr loskäme. Vielleicht kommt es nicht von ungefähr, dass man sich im weltweiten Internet, dem Namen nach ein virtuelles Netz, geradezu verwickeln und verlieren kann. Je nach Umgang ist dieses Netz aber etwas sehr Dienliches und Praktisches.
Sehr praktische Eigenheiten besitzt auch das Spinnennetz. Die Biotechnologie hat nachgewiesen, dass der Baustoff dieses Netzes ungemein stark ist. Spannte man ein ungefähr fingerdickes Seil aus diesem Material, hielte es einem fliegenden Jumbo-Jet stand! Unglaublich angesichts des filigranen Werkes, das wir da beobachten können.
Nun ist dieses feingesponnene Netz auch eine Behausung, ein Zuhause – vielleicht das zerbrechlichste in der Natur überhaupt. Gemäss einer afrikanischen Überlieferung bildet es eine Brücke zwischen Himmel und Erde.
Ein schönes Bild, ein mögliches Bild für unseren Glauben, der, so er scheinbar unerschütterlich und einnehmend daher kommt – andere probiert einzuwickeln mit den Fäden einer als Besitz gehandelten Wahrheit – tatsächlich furchteinflössend wäre. So man ihn sich aber nach und nach aneignete, Tag für Tag, an dem weitergesponnen werden müsste und nicht einmal einfach fertig wäre, im Vertrauen auf Anknüpfungen im unsichtbaren Gott, auf dem Boden und im Himmel und im Wissen um seine Zerbrechlichkeit, ja dieser Glaube trüge die Kraft in sich, Berge zu versetzen und «nichts wird euch unmöglich sein» (Mt.17,20). Also, spinnen wir fröhlich weiter...
Pfarrer Thomas Habegger
Spiritualität – Verbindung zum Göttlichen und zur eigenen Mitte
Aus drei Vorträgen im Kirchgemeindehaus
Küsnacht ging hervor, dass Spiritualität
etwas Alltägliches, etwas Normales
ist, ein Stillwerden, ein Hören
auf die innere Stimme. Spiritualität
spielt sich im Hier und Jetzt, im Alltag
ab. Sie zeigt sich in unserem Erleben,
auch im Annehmen unserer Körperlichkeit
und im Umgang damit.
Spiritualität spricht von Atem, Hauch,
Geist, belebender Kraft, von menschlichem
Verhalten, von Gottes Wille und
der dahinter stehenden Liebe.
Spiritualität ist eine Einladung, an die
Kraft des Körpers zu glauben. Der
beste Zugang zur Spiritualität ist Bewegung,
Rhythmus. Alles was bewegt, was
man nicht halten kann, ist wichtig.
Wer in sich geht, bewegt sich, gestaltet
sich, kommt zu sich selber, geht den
langen Weg zur eigenen Mitte. Wer sich
selber kennt, kann besser mit Beziehungen
umgehen.
In der Spiritualität richtet sich der
Blick nach innen auf das Göttliche in
uns. Der Mystiker Eckhart sagt:
«Warum greift ihr nicht in euer eigenes
Gut, ihr trägt alles Wesenhafte in
euch.» Damit fordert er uns auf, die
Einheit des Lebens zu spüren und die
Suche nach dem Eigentlichen zu verfolgen.
Der spirituelle Mensch erfährt
das Leben als einen Such- und Lernprozess,
von Misserfolgen lernt er am meisten.
Lassen wir uns auf diese Suche ein, nutzen
wir die Chance und lassen uns wir
auch bei Schwierigkeiten nicht vom
eigenen Weg abbringen.
Heidi Ringli
