

Du sollst dir kein Bildnis machen!
«Du sollst dir kein Bildnis machen, heisst es von Gott. Es dürfte auch in diesem Sinne gelten: Gott als das Lebendige in jedem Menschen, das, was nicht erfassbar ist. Es ist eine Versündigung, die wir, so wie sie an uns begangen wird, fast ohne Unterlass wieder begehen – ausgenommen, wenn wir lieben».Es blüht auf den Wiesen und in den Gärten im Wonnemonat Mai, man sieht junge Pärchen verliebt Hand in Hand gehen, und man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass da und dort eine alte Liebe wieder aufflammt. Die Liebe muss etwas Geheimnisvolles sein, wenn sie Menschen zu verzaubern vermag, junge und ältere, und manch einer mag sich fragen, worin denn dieses Geheimnis liegen könnte. Die Sätze, die Max Frisch vor rund 70 Jahren in sein Tagebuch notierte, könnten uns eine Antwort geben. Das Wunderbare an der Liebe besteht darin, dass sie uns in der Schwebe des Lebendigen hält, sagt Frisch, in der Bereitschaft, unserem geliebten Gegenüber zu folgen in all seinen möglichen Entfaltungen. Wie verwandelt fühlt sich der Geliebte, alles scheint möglich zu sein, man wächst über sich hinaus, fühlt sich befreit und geborgen zugleich, zutiefst angenommen, so wie man ist, wie man sein könnte, geliebt ganz um seiner selbst willen. In solchen Augenblicken ist einem, als berührten sich Himmel und Erde, und man ist versucht zu glauben, dass der Geliebte, einem das Tor zum Himmel aufstossen kann.
Doch so schön und erfüllend diese Momente auch sein mögen, so flüchtig sind sie doch, und ernüchtert stellen wir nach einer Weile fest, dass uns unser geliebtes Gegenüber den Himmel nicht auf die Erde bringen kann. Wir dürfen von den Menschen, die wir lieben, nicht all das erwarten, was wir an uns selbst vermissen. Wir missbrauchen sie, wenn wir sie als Projektionsfläche für unsere Wünsche und Sehnsüchte sehen. Es kommt nicht gut, wenn wir unsere Lebensentwürfe und Wertvorstellungen auf einen geliebten Menschen übertragen. Dieser soll ein echtes Gegenüber sein dürfen, nicht fassbar, unergründlich, geheimnisvoll. Frisch gibt zu bedenken, dass ein zum Klischee erstarrtes Bild zur Versündigung des Menschen gegen sich selbst wird und gegen andere. Wenn wir einander Bilder zuweisen, besteht die Gefahr, im Bildnis gefangen zu bleiben. Wenn wir einen Menschen in einem Bildnis festhalten wollen, machen wir ihn uns gefügig. Mithilfe des Bildes können wir Macht über das abgebildete Wesen ausüben, und Macht ausüben heisst auch: fertig werden mit einem Menschen.
Einander zu lieben heisst: nicht mit dem andern fertig zu werden, sondern offen zu sein für das Geheimnisvolle, Überraschende, Unvorhergesehene. «Unfassbar ist der Mensch, den man liebt», sagt Frisch, «nur die Liebe erträgt ihn so.» Die Liebe bewirkt, dass Verborgenes zu Tage tritt, weil sie den Raum dafür schafft. Doch nicht immer können wir uns freuen, wenn unser geliebtes Gegenüber uns bislang verborgene Seiten offenbart. Nicht selten erschrecken wir auch darüber. Doch über nichts sollten wir mehr erschrecken als über die Meinung, dass wir das Wesen unseres Gegenübers gut genug kennen, um uns ein abschliessendes Bild von ihm zu machen: Unsere Meinung, dass wir das andere kennen, ist das Ende der Liebe. Ein Grund für viele Enttäuschungen ist, dass das Bild, das man sich von einem Menschen gemacht hatte, nicht mehr dem Bild entspricht, das man heute von ihm hat.
Darum heisst es: Du sollst dir kein Bildnis machen. Das gilt im Blick auf die Menschen, und – von daher kommt ja auch das biblische Gebot – es gilt auch in Bezug auf Gott. Wenn ich mir von Gott ein Bildnis mache, hindere ich ihn daran, mir immer wieder überraschend neu zu egegnen und ungeahnt kraftvoll seine Liebe zu erweisen. Als Mose den Namen Gottes wissen wollte, hörte er eine Stimme aus dem Dornbusch: «Ich werde sein, der ich sein werde!» Der lebendige Gott der Liebe will uns immer wieder überraschen mit neuen Gegenwarten. Er lässt sich nicht in starren Bildern festhalten, auch wenn der Drang, das Flüchtige festzuhalten, sich immer wieder meldet.
Wer etwas festhalten und fassbar machen will, wird es vergessen, denn in jeder Geste des Festhaltens liegt bereits die Erlaubnis zum Vergessen. Daran mögen wir denken, wenn wir in alten Fotoalben blättern. Da finden wir Bilder, von denen wir nicht einmal mehr wussten, dass es sie gibt. Längst vergessen sind so viele kostbare Augenblicke, obschon sie mit einem Bild festgehalten wurden. Anderes hat sich in unserer Erinnerung verändert, ist mit unserer Erfahrung reicher geworden, hat ein Eigenleben entwickelt. Gegen diese inneren Bilder haben die verblassenden Fotografien aus den Fotoalben keine Chance. Was weiterlebt, sind die beweglichen, veränderbaren Bilder des Herzens.
Es wäre schön, wenn die Bilder, die wir in unseren Herzen tragen, mit der Zeit immer reicher und lebendiger würden, wenn Menschen einander auf überraschende Weise neu begegnen und sich gegenseitig Raum zur Entfaltung geben könnten. Möge Gott uns auf diesem Weg begleiten und uns die Kraft geben, erstarrte Bilder und Vorstellungen aufzubrechen und neu zu ordnen. Auf dass in unseren Herzen ein Überfluss herrsche an beweglichen, ja bewegenden Bildern.
Pfr. René Weisstanner
Taufbaum
Seit gut zwei Jahren hängt der Taufbaum in der Kirche. Haben Sie ihn auch schon entdeckt? Die Idee der Kommission ist jetzt zu einem festen Bestandteil der Kirche geworden. Der Taufbaum ist eine Eisenplastik, an dem verschiedene Magnetsujets angebracht werden.
An ihrem Taufgespräch mit der Pfarrerin oder dem Pfarrer können die Taufeltern einen Vogel, ein Blatt oder eine Blume auswählen. Dieses Sujet schmücken, verzieren, beschriften und bekleben die Eltern – und am Tag der Taufe wird es am Taufbaum angebracht. Einmal im Jahr wird ein Tauf erinnerungs-Gottesdienst gestaltet, zu dem alle Tauffamilien des vergangenen Jahres eingeladen werden. Nach dem Gottesdienst nehmen die Familien ihren Anhänger wieder mit nach Hause und haben so eine schöne Erinnerung zur Taufe, die sie später ihren Täuflingen zeigen können.
Was steckte ursprünglich hinter der Idee dieses Taufbaumes? Wir möchten die Familien schon früh mit der Kirche vertraut machen und ihnen zeigen, dass sie uns wichtig sind. Und wir möchten den Eltern die Taufe wieder mehr ins Bewusstsein rücken. Nicht nur das Taufversprechen soll im Vordergrund stehen, sondern auch die Aufgabe, ihre Kinder im christlichen Glauben zu erziehen.
Der nächste Tauferinnerungs-Gottesdienst findet am 12. Mai statt. Die Tauffamilien werden zu diesem Gottesdienst persönlich eingeladen.
Brigitte Meier
